Wolfgang Beutin:
Das Jahr in Güstrow. Roman.
436 S., ISBN 978-3-932696-51-0, 12,00 Euro
(Bestellungen direkt über den von Bockel Verlag)







In den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges flüchtet die Bremerin Else Beelzow mit ihren beiden Söhnen vor den Bomben der Westalliierten nach Güstrow. Ein Jahr lang bleiben sie in der "straßenbahnlosen Stadt" und erleben das Ende des Krieges und den Einmarsch der sowjetischen Soldaten.
In dem autobiographisch gehaltenen Roman beschreibt der Hamburger Schriftsteller Wolfgang Beutin das Alltagsleben in der mecklenburgischen Stadt Güstrow in den letzten Kriegsjahren.

   
 


Auf zahlreichen Lesungen stellte Beutin den Roman vor, - nach 1989 auch im "anderen" Teil Deutschlands. Hier hatte der Roman zuvor ein geteiltes Echo erfahren. Beutin hatte nach Erscheinen des Buchs einzelne Exemplare in die DDR verschickt. Aus der  "Akademie der Künste" in Ost-Berlin bedankte man sich aufgeschlossen für das Buch. Der Bürgermeister der Stadt Güstrow antwortete eher unbeholfen ob der Büchersendung aus dem Westen. Er verstand das Werk als Beitrag für das Stadtarchiv.

   






Einige Rezensionen und Meldungen zum Roman
(In zeitlicher Reihenfolge des Erscheinens)


Aus: Kultur & Gesellschaft, Nr. 2, Februar 1986, S. 18

Ein gutes Stück Trauerarbeit. Über Wolfgang Beutins Roman "Das Jahr in Güstrow" (Peter Mohr)

Ich beharre auf einer Literatur, die Geschichte erzählt, lautete einer der markantesten Sätze aus den Frankfurter Poetikvorlesungen Peter Härtlings. Härtling (Jahrgang 1933) und Wolfgang Beutin (Jahrgang 1934) scheint neben dem Alter und den schrecklichen Kriegserlebnissen in früher Kindheit auch die pädagogischen Funktionen ihrer Literatur zu verbinden. In diesem Roman Beutins, deer wohl in weiten Teilen autobiographischen Charakter hat, ist alles das enthalten, was uns die Geschichtsbücher nicht liefern können: nachvollziehbare Einzelschicksale, Darstellung höchst unterschiedlicher Charaktere und vor allem die psychischen Kapriolen, denen der 10jährige Protagonist Lothar Beelzow schutzlos ausgeliefert ist. Lothar Beelzow musste 1944 mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder Holger das heimatliche Bremen verlassen, um über Berlin und Breslau ins mecklenburgische Kleinstädtchen Güstrow zu fliehen. Doch auch in der Provinz, wo der Rest der Familie Beelzow [Vater Karl steht in den Diensten des Vaterlandes] bei Bekannten des Großvaters väterlicherseits Unterkunft findet, hat der unbarmherzige Krieg nicht haltgemacht. Lothar, der heimatlose Großstädter, hat es anfangs schwer, sich in der Kleinstadt zu akklimatisieren; in einer Stadt ohne Straßenbahn, wie er immer wieder betont, um das Hinterwäldlerische herauszustellen.
Lothars Seelenleben wird arg strapaziert. In der Schule bricht er im Biologieunterricht zusammen und im Jungvolk füllt er durch seine Unfähigkeit zu marschieren auf. Es wechseln sich Bewunderung für Lebensläufe literarischer Persönlichkeiten ab mit stiller Verehrung für verwundete Offiziere, die in seiner Schule nationalsozialistische Propaganda betreiben. Auf einer Weihnachtsfeier des Jungvolks ist Lothar nicht in der Lage, ein Lied anzustimmen. Lothar Beelzow - ein Außenseiter? Man gewinnt den Eindruck, als ob sich Lothar von innen heraus seiner Umwelt verweigert.
Der Körper des Knaben bleibt von Angriffen verschont, doch die inneren Spannungen, die Wolfgang Beutin meisterlich und ohne großes Pathos in Szene setzt, erzeugen auch im Leser ein Höchstmaß an Anteilnahme. Da muß Lothar im Bett einer verstorbenen Verwandten des Hausbesitzers Timmermann schlafen, da heißt es auf S. 185: "Dann blieb ich endgültig allein eingesperrt in Nacht, allein mit meiner Angst und dem Bett der Toten, im Bett der Toten."
Als er vom Jungvolk fernbleibt, als die Plünderungen durch russische Soldaten beginnen, als er Angst um seine schwangere Mutter Else hat, dies alles bringt Beutin in höchst eindrucksvoller Art und Weise zum Ausdruck. Lothar und sein Bruder Holger schlüpfen kurzerhand - gezwungenermaßen - in die Rolle der Familienernährer. Auf Streifzügen durch die nähere Umgebung tragen sie lebensnotwendige Utensilien zusammen.
Im Sommer 1945 trifft Vater Karl, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, in Güstrow ein. Noch im Herbst des Jahres kehren die Beelzows, mittlerweile zu fünft - Mutter Else gebar ein gesindes Töchterchen -, Güstrow den Rücken, um sich auf den Weg in ihre Heimatstadt Bremen zu machen.
Äußerst gelungen ist Beutin die Darstellung der antagonistischen Charaktere dieser Zeit: Da existieren nebeneinander unverbesserliche Nationalisten (Sanne Timmermann und August Ortmann), weitgehend neutrale Personen wie Hausherr Timmermann, stille Kriegsgegner wie Mutter Else und lautstarke Opportunisten wie Cousin Richard und dessen Vater Reinhard. Beutins Reflexionen und Assoziationen aus der Perspektive des heute 51jährigen sind die einzigen Schwachstellen dieses Romans, weil sie zu einem Bruch mit der personalen Erzählhaltung aus der Sicht des 10jährigen führen (vgl. hierzu S. 83, S. 253 und S. 282).
Wolfgang Beutins Buch ist trotzdem äußerst lesenswert, vor allem (auch) für die jüngere Generation, die diese Zeit nur vom Hörensagen kennt.
"Das Jahr in Güstrow" ist eine gelungenes Stück poetischer Geschichtsunterricht, vergleichbar nicht nur mit Werken von Peter Härtling, sondern auch mit denen von Walter Kempowski und Hermann Lenz. Jetzt darf man Wolfgang Beutin, dem es gelungen ist, ein vorzügliches Anti-Kriegsbuch zu schreiben, bei dessen Lektüre zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt, nur noch genauso viel Leser wie Kempowski und Hermann Lenz wünschen.






Aus: Erlanger Nachrichten. Erlanger Tageblatt. 12.3.1986



Begegnung mit Tucholsky-Preisträger Beutin

Uttenreuth (rep). - Vierzehn Bücher hat der Hamburger Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Wolfgang Beutin geschrieben, germanistische Fachliteratur und Belletristik. Das erfuhren die Besucher bei einer Lesung im Esperhaus, zu der Pfarrer Dieter Schwierskott den Autor willkommen hieß. Beweißstücke waren auf einem Büchertisch zu besichtigen. Und dort konnte man sich auch über die Spannweite der Veröffentlichungen des Tucholsky-Preisträgers informieren, die von Aphorismenband bis zum 400-Seiten-Roman, von sprach- und stilkritischen Untersuchungen bis zur Literaturgeschichte reicht.
Im Mittelpunkt des Abends stand jedoch der neue Roman "Das Jahr in Güstrow", der - zur letzten Buchmesse erschienen - einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit darstellt. Beutin las daraus einige Kapitel und versetzte seine Zuhörer mitten in die verghängnisvollen Jahre 1944/45, als auch im mecklenburgischen Städtchen Güstrow durch die Flüchtlingsströme aus dem Osten die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen, sich in der Enge einzurichten versuchen und ums überleben kämpfen.
"Das darfst du nicht", hatte der frischgebacknene Hitlerjunge noch wenige Wochen zuvor in Breslau die für Lausbübereien drohende Ohrfeige der Mutter abgewehrt, "ich gehöre dem Führer". Jetzt sitzt dieser Führer selber im Schlamassel und der Hitlerjunge muß in der Güstrower Klasse bei der fremden Lehrerin in einem Aufsatz darüber nachsinnen, wie ihm am besten zu helfen sei. "Frisch, lebendig, munter" soll das Thema nach Unterstufenmanier abgehandelt werden. Aber der Held versagt kläglich.
Auch die Erwachsenen sorgen sich längst mehr um die eigenen Probleme als um die des Führers, selbst die stets linientreue Tante Sanne, die ihrem Idol beim Nürnberger reichsparteitag einst ins Auge geblickt hatte. Über alle legt sich die Angst vor den immer näher rückenden Rotarmisten. In den langen Kellergesprächen werden Tod und Selbstmord ungeniert vor den Kindern diskutiert. Menschen sterben gewaltsam, auch noch nach dem russischen Einmarsch, als Hunger und Typhus ihre Opfer fordern. Ein "Schüdderump" holpert täglich durch die Stadt, um in kleinen und großen Holzkisten die Leichen fortzuschaffen.
Inmitten der traurigen Ereignisse gehen die Buben auf Abenteuer aus. Sie organisieren Essbares für die Familie und Brennholz für den Ofen, fangen einen listigen Tauschhandel mit einem Sowjetsoldaten an und ergattern ein Fahrrad. Unter dramatischen Umständen vergrößert sich die Familie, als die Mutter ohne fremde Hilfe ein gesundes Mädchen zur Welt bringt. Zu alledem gedeiht während des Güstrower Jahres auch noch eine herzerfrischende Liebesromanze. Die Handlung endet, wo sie begann: auf der Eisenbahn. Als der Vater aus Gefangenschaft heimkehrt, verlässt die Familie Güstrow.
Das spannend aufbereitete Stück Zeitgeschichte erhält seine besondere Note durch die ironisch wirkende Distanz, mit der ein Elfjähriger die aus den Fugen geratenen Erwachsenenwelt betrachtet. Mal glaubt man dabei die großen Erzähler des 19. Jahrhunderts zu spüren, dann entdeckt man wieder ganz moderne Stilmittel. In der scheinbar naiv-realistischen Darstellung wird jede der handelnden Personen zum einprägsamen Typ. Als Beispiel die Beschreibung der Großmutter: "Sie weinte, ohne das sie zu weinen schien. Geborgen in dem dunklen Umschlagtuch saß sie, und nichts blieb von ihrem Gesicht frei als die großen braunen Augen, die sie weit geöffnet hielt." Hier sitzt eine Figur Ernst Barlachs, des in der NS-Zeit verfemten Güstrower Bildhauers!
Die Diskussion schälte schnell eine Kernproblem des Romans heraus: wie kann die kindliche Erzählebene glaubhaft durchgehalten werden und der Autor dennoch seine Lebenserfahrung einbringen? Wolfgang Beutin plauderte aus der Schriftstellerwerkstatt, verwies auf das Mittel der Sprachstilisierung und auf andere erzähltechnische Kunstgriffe, mit deren Hilfe der Autor aus heutiger Sicht kommentierend eingreifen könne, um anschließend gleich wieder in die Seh- und Denkgewohnheiten des Elfjährigen einzutauchen. Nach den Kostproben aus dem Güstrow-Roman und den Gesprächen darüber hatte er viel zu signieren.



Aus: Deutsche Volkszeitung/die tat, 4. April 1986

Kindheitserinnerung. Wolfgang Beutins Roman "Das Jahr in Güstrow"

Güstrow wirkt wie eine Oase der Ruhe in Deutschland. Der Krieg findet kaum statt. Konflikte zwischen Nazis und Antifaschisten gibt es nicht - das Leben vergeht in Alltäglichkeit. Dieses relativ ruhige Leben erzählt W. Beutin aus der Sicht des zehnjährigen Lothar Beelzow, unbelastet von politischen Wissen und den speziellen Sorgen der Erwachsenen.
Lothar war im September 1944 aus dem bedrohten Breslau mit seinem Bruder Holger und der Mutter Else in das stille mecklenburgische Städtchen geflohen. Ein Jahr dauerte die Zwischenstation, dann zieht die Familie weiter nach Bremen.
Lothar muß sich seinen Platz in der Stadt und in der Schule erst erobern, er macht bei der Hitler-Jugend mit - gegen den Willen seiner Mutter. Die drangvolle Enge in ihrer Notunterkunft mit der herrischen und streitbaren Wirtin bestimmt sein Leben ebenso wie der Kampf mit den Englischvokabeln.
Kindlich-ungefiltert schildert er, wie in der Schule zur "Liebe des Führer", zum "Glauben an den Endsieg", zum Haß auf die Kommunisten erzogen wird, wie Abenteuerlust und Technikbegeisterung für kriegerische Ziele missbraucht werden. Der Krieg rückt näher, und das Leben in Güstrow verändert sich. Nicht nur die Schule wird geschlossen. Flüchtlinge kommen in großen Scharen, das Städtchen wird bombardiert, die Elite flüchtet, die Bevölkerung plündert verlassene Vorratslager.
Schließlich kommen die russischen Panzer, und das Städtchen wird fast kampflos übergeben. Damit beginnt ein neues Leben in Güstrow: Das Leben mit der russischen Besatzungsmacht.
Plünderungen greifen um sich, Frauen haben Angst vor Vergewaltigungen, Typhus bricht aus. Aber auch diese Wirren werden überwunden. Das Leben unter den Russen wird zum Alltag. Das Schwiommbad wird geöffnet, die Lebensmittelversorgung bessert sich, es kommt zu scheuen, aber freundlichen Kontakten zu den Rotarmisten.
Es gilt, sich auf den Winter einzurichten. Lothar versucht bei Bauern Arbeit zu finden, lernt aber sehr schnell, dass sich die Wintervorräte anm Essen und Holz viel leichter durch Diebstahl beschaffen lassen. Allmählich finden die durch den Krieg zerrissenen Familien wieder zusammen, und es stellt sich die Frage: Wie wird die Zukunft aussehen? Wie soll man sich entscheiden? Die Lösungen reichen von dem Beitritt zur KPD bis zur Erwartung eines Atomkrieges der Westmächte gegen die Sowjetunion.
All diese Ereignisse werden durch den aufmerksamen und aufgeweckten Jungen erzählt. Eindrucksvoll entsteht eine Welt, die für die meisten der Leser die Welt der Eltern und Großeltern war. Für die Generation der heute 50jährigen waren die Jahre 1944/45 Jahre entscheidender Erfahrungen und Erlebnisse, die bis heute in ihnen weiterwirken.
Dies verdeutlicht Wolfgang Beutin - der ebenfalls dieser Generation angehört - in einem Resümee des Jahres in Güstrow: "Hätte ich es vermocht, hätte ich mit einem Griff die Zeit zwischen dem Herbst 1944 und dem des Jahres 1945 fassen können, mir wäre ein Jahr in meiner eigenen Entwicklung vor Augen getreten, ein Gelenkstück, das mein erstes Lebensjahrzehnt mit dem zweiten verband, welches ich, heranwachsend, zur Gänze in Bremen verlebte. Güstrow - oder: Wie ich dem Anprall zahlreicher Widerwärtigkeiten stand, wie sie das Leben des einzelnen merklich beeinträchtigten? Güstrow - oder: Ein Freidurchgehen, vielmehr - schwimmen durch die Brandung, die von der großen Geschichte ausgesandt worden war? Güstrow - oder wie ich lernte, erlebend zu beobachten, beobachtend zu erleben?"
Peter Lob



Aus: Segeberger Zeitung, 24. September 1986




Güstrower Schulalltag in der Deutschstunde. Schriftsteller Beutin las aus seinem Werk


Bad Segeberg (ap) Zweiter Weltkrieg 1944/45: Else Beelzow flieht mit ihren beiden Söhnen Lothar und Holger vor den Bomben der Westalliierten und der anrückenden Roten Armee nach Güstrow, in der heutigen DDR, wo es sicherer zu sein schien. Sie bleiben dort ein Jahr und erleben das Ende des Krieges und den Einmarsch der sowjetischen Soldaten. Der elfjährige Lothar beschreibt in dem neuesten Roman von Wolfgang Beutin "Das Jahr in Güstrow" das Alltagsleben und die Menschen unter dem Nazi-Regime aus seiner eigenen, kindlichen und unbekümmerten Perspektive.
Vor etwa fünfzig Dahlmannschülern gab der Autor gestern eine Lesung aus diesem Werk, die Teil des Deutschunterrichts war. Anschließend hatten die Schüler die Gelegenheit, Fragen an den Schriftsteller zu richten.
Wolfgang Beutin, der 1934 in Bremen geboren ist, studierte nach dem Abitur Germanistik und Geschichte und war zunächst freier Schriftsteller, bevor er 1971 Dozent an der Universität Hamburg wurde. Heute ist er nebenberuflich Schriftsteller und das auch immer nur dann, wenn es seine knapp bemessene Zeit zulässt. Bekannt wurde er durch zahlreiche Hörspiele, Aphorismen, Romane und Kurzgeschichten, wofür er 1957 den Kurt-Tucholsky-Preis erhielt.
Während der Lesung zitiert Beutin hauptsächlich Passagen aus dem Schulalltag des Elfjährigen. Die Erzählungen des Jungen verfasst er aufgrund eigener Erlebnisse in seiner Kindheit. Immer wieder wird deutlich, wie sehr sich der 52jährige Literaturhistoriker mit der Figur des kleinen Lothar identifiziert. Beutin erzählt jedoch nicht nur, sondern übt in spöttischen, ironischen Abschnitten immer wieder Kritik. Zum Beispiel am Thema eines Aufsatzes, den Lothar und seine Mitschüler schreiben sollen: "Wie ich dem Führer am liebsten helfen möchte, wenn ich erwachsen wäre".
Der Autor legt in einem Werk das Bewusstsein der Menschen frei, in dem sich die Nazi-Ideologie fest eingenistet hat. Es werden aber auch Widersprüche aufgezeigt, die der Beginn des Widerstands und Neuanfangs sind und in der Figur der Mutter Else Beelzow personifiziert sind. Beutin wollte hiermit seiner Mutter, die kürzlich verstarb, als Schlüsselfigur ein Denkmal setzen.
Auf die neugierigen Fragen der 14- bis 15jährigen Gymnasiasten nach Schreibtechnik und Recherchen gab der Schriftsteller ausführlich Antworten und bereits Auskunft über seinen nächsten Roman, der in der Nachkriegszeit spielt. Desssen Hauptthema wird die Problematisierung der Technik sein.




Besprechungen aus der "Nachwende-Zeit"



Aus: Der Demokrat, 13./14. Januar 1990

"Das Jahr in Güstrow" als Buchpremiere
Veranstaltungen in der Bibliothek. Autor Dr. Wolfgang Beutin aus Hamburg stellt vor.

Güstrow. Sechs Großveranstaltungen vielfältiger Art sind von Januar bis März in der Stadt- und Kreisbibliothek geplant. Und wieder wird eine Veranstaltungsserie gestartet, die sich ganz in den Dienst der Besucher stellt. Immerhin gilt es, die erreichte Zahl von rund 100 Veranstaltungen zumeist literarischen Charakters aus dem vorigen Jahr auch 1990 zu erreichen.
Die "Liederfirma Dietze", Torsten Dietz und Jens Hasselberg, hatte bereits vor zwei Jahren Premiere unter Güstrower Bibliotheksdächern. Ein Risiko damals überhaupt aufzutreten, da die Künstler den Finger auf die wunden Stellen legten -
Heute stellen sie ihr neues Liederprogramm vor, gefestigter und perfekter als vor zwei Jahren. Torsten Dietz schreibt die Texte, beide komponieren und arrangieren diese. Für einen Beitrag von 2,50 Mark ist jeder eingeladen, am 17. Januar um 19.30 Uhr zu sehen und zu hören, wohin die "Liederfirma Dietze" geht.
"Der Schattenfänger", mit dem Untertitel "Roman eines Irrtums", ist das schmerzliche Resümee eines Schriftstellers mittlerer Generation, der kämpfte, mahnte, auf die Weise des Schriftstellers eben, und der fallengelassen wurde: Jochen Laabs ist es, der den "Irrtum seines Lebens" aufgedeckt (einer von vielen). Auch hier ist die Tragik des Schriftstellers nicht zu übersehen. Er liest am 25. Januar um 19.30 Uhr in der Bibliothek. Das Buch wird in diesem Jahr im Mitteldeutschen Verlag erscheinen.
Im Februar wird es weine Uwe-Johnson-Lesung geben, die im Kersting-Klub stattfindet. Dem Rostocker Literaturwissenschaftler Jürgen Grambow ist es zu verdanken, dass den DDR-Lesern Texte Uwe Johnsons nahegelegt werden. Diese Veranstaltung findet am 6.Februar um 19.30 Uhr statt. In den ersehnten Winterferien wird es Jürgen Denkewitz aus Delitzsch sein, der mit seiner "Liederkiste" vor allem den kleinen Leuten Spaß machen wird. Eine ganze Woche ist er im Kreis Güstrow zu Gast, und mit den Schulen werden Termine vereinbart.
Da sich der Familientag an einem Sonnabend im vorigen Jahr gut bewährt hat, werden auch 1990 Eltern und Kinder in die Bibliothek eingeladen, und zwar am 17. Februar ab 10.00 Uhr. Auch diesmal soll es sich lohnen. Es gibt einen Buchverkauf, wer möchte, kann Zeitungen lesen oder Schallplatten hören, und auch für einen Imbiß wird wieder gesorgt sein.
Besonders gespannt dürfte man auf Dr. Wolfgang Beutin sein, der aus Hamburg erwartet wird. "Das Jahr in Güstrow", so der Titel seines Buches, welches erstmals öffentlich in der DDR vorgestellt wird. Bei aller Freude auf diesen Gast soll zu den Umständen, wie es zu dieser Lesung kam, nichts verraten sein: am 22. Februar um 19.30 Uhr können die Besucher den Schriftsteller aus der BRD selbst befragen.
Eberhard Panitz ist dann am 22. März ein weiterer Gast in der Bibliothek, auf den man sehr gespannt ist. Er wird eine neue Arbeit vorstellen. Für weitere Bibliotheksvorhaben gibt es feste Zusagen u.a. von Helga Königsdorf, U. Eisel, Rudi Benzien und G. Herzog.







Aus: Lübecker Nachrichten, 24.2.1990



Erinnerungen aus der Barlach-Stadt. Dr. Wolfgang Beutin las in Güstrow aus seinem autobiographischen Roman


Köthel/Güstrow. Seit 1988 kreiste das einzige Exemplar in Güstrower Familien und wurde verschlungen. Jetzt konnten die Güstrower das Buch nicht nur kaufen, sondern auch den lauenburgischen Schriftsteller Dr. Wolfgang Beutin aus Köthel persönlich bei einer Lesung in der Kreisbibliothek selbst befragen. Sein Buchthema: "Ein Jahr in Güstrow".
1986 erschien in dem kleinen Weltkreis-Verlag in der Bundesrepublik in 5000 Exemplaren der über 400seitige Roman "Ein Jahr in Güstrow". Dr. Wolfgang Beutin verarbeitet darin nahezu autobiographisch eigene Kindheitserinnerungen zwischen Oktober 1944 und Oktober 1945.
Aus Westdeutschland hatte eine Familie ein Exemplar geschickt bekommen, das dann in Güstrow die Runde machte. Doch Berufsschullehrer Hans Böckenhauer aus Güstrow wollte es dabei nicht bewenden lassen. Da er bis 1939 in dem von Beutin beschrieben Haus Ulrichplatz 3 gewohnt hatte, die im Roman beschriebenen Bewohner wiedererkannte, ließ er keine Ruhe, bis im Sommer 1989 mit der dortigen Kreisbibliothek eine Lesung vereinbart wurde.
In den geschmackvoll restaurierten Leseräumen der Kreisbibliothek hatten sich am Donnerstag abend knapp 40 Literaturfreunde eingefunden. Und am gestrigen Abend las Beutin im kleinen, privaten Freundeskreis aus dem abgeschlossenen, aber noch nicht veröffentlichten Roman: Die Geschichte des Großvaters, eines kaiserlichen Kanal- und Schleusenbauers.
Nicht die literarische Form, sondern die alten Erinnerungen an schlechte Zeiten zum Kriegsende beherrschten das Gespräch mit dem Autoren, der damals selbst erst elf Jahre alt war, doch nach den Aussagen der alten Güstrower ein Buch voller Authentizität vorstellte.
Eigene Kindheitserinnerungen hatte Beutin gesammelt wie auch die Erzählungen seiner Mutter, mit der er ausgebombt von Bremen über Breslau nach Güstrow in den letzten Kriegsjahren mit seinem kleinen Bruder verschlagen wurde. Güstrow war die Heimatstadt seines Großvaters gewesen. Die Ortskenntnisse frischte Beutin in den 70er und 80er Jahren in Güstrow auf.
Als 1986 das Buch erschien, stieß es bei vielen Mecklenburgern auf starkes Interesse. über 30 Lesungen führten Beutin durch den Kreis Herzogtum Lauenburg, die Bundesrepublik, insbesondere auch zu Heimattreffen der Landsmannschaft Mecklenburg.
Ein Exemplar sandte er damals an den Bürgermeister von Güstrow. Der teilte ihm lakonisch mit, daß das Buch mit freundlichem Dank in das Stadtarchiv gewandert wäre. Auch die Kreisbibliothek Güstrow konnte erst jetzt einige Exemplare erwerben, wie Leiterin Helga Tesch mit ihrer Kollegin Ingeborg Schulz, die die Moderation des Abends hatte, erläuterte. Leider stehen bislang der Kreisbibliothek noch keine Westdevisen zum Bucheinkauf zur Verfügung.
Aus seinem eigenen Bestand verkaufte Beutin den Heimatroman zum Kurs 1:1 für Mark der DDR und signierte die Bücher. Als Gast von Berufsschullehrer Hans Böckenhauer und seiner Familie hatte er vormittags den Ulrichplatz und die Güstrower Barlach-Gedenkstätten besucht und war auch in der John-Bringmann-Oberschule gewesen, die er als zehnjähriger im Kriegsjahr 1944 besucht hatte. Die Schulunterlagen von 1944 mit dem Vermerk seiner Einschulung allerdings wurden im Archiv so schnell nicht gefunden.
Peter Harmann


Aus: Mecklenburg. Zeitschrift für Mecklenburg und Vorpommern, Juni 1990, S. 13 f.

"Das Jahr in Güstrow"


Bisher gab es in Güstrow wohl nur drei Exemplare des 1986 in der BRD erschienenen Buches "Das Jahr in Güstrow" von Dr. Wolfgang Beutin, davon ein Exemplar – vielleicht ungelesen – im Stadtarchiv. Die anderen beiden Exemplare aber fanden interessierte Leser, die sich am 22. Februar dieses Jahres dann auch ganz besonders freuten, daß der Autor des Buches zu einer Lesung in die Erst-Barlach-Stadt kommen konnte. Diesbezügliche Verhandlungen liefen schon seit März 1989, wobei es aber einige Probleme gab. Nach der gewaltlosen Revolution im Herbst 1989 war es nun doch ohne jegliche staatliche Bevormundung und Reglementierung unkomplizierter, eine solche Veranstaltung durchzuführen. Für die, die das Buch bereits lesen konnten, aber auch für andere Anwesende war es eine besondere Freude, daß der Autor aus eigenem Bestand zahlreiche Exemplare mitgebracht hatte, zum Kurs von 1:1 für Mark der DDR verkaufte und sie auf Wunsch auch noch mit freundlichen Worten signierte.
Der mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnete "Freizeitschriftsteller" erzählte einleitend, daß er bereits 1740 auf einem Erbhof in Badendiek bei Güstrow Vorfahren gehabt habe, ein Besuch in Güstrow gewissermaßen auch immer für ihn eine Erinnerung an die Vergangenheit sei. In seinem autobiographischen Roman "Das Jahr in Güstrow" schildert er die Zeit zwischen September 1944, als er als 10jähriger Junge, ausgebombt in Bremen, nach einem zeitweiligen Aufenthalt in Breslau mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Güstrow, in die Stadt seines Großvaters kam, und im Oktober 1945, als er Güstrow wieder in Richtung Bremen verließ.
Wolfgang Beutin las etwa eine Stunde lang 7 Abschnitte aus seinem über 400seitigen Roman:
- Die erste Bekanntschaft mit der John-Brinckmann-Oberschule.
- Die Konfrontation mit einem Aufsatzthema "Wie möchte ich dem Führer am liebsten helfen, wenn ich erwachsen wäre?"
- Der Luftangriff im März 1945 auf das damalige Heereszeugamt Primerburg bei Güstrow.
- Der 1. Mai 1945 nachmittags – Spannung lag über der Stadt.
- Die Nacht vom 1. zum 2. Mai – Einmarsch der Roten Armee in die Stadt an der Nebel.
- Der Morgen des 2. Mai mit dem "nie gesehenen, zunächst unerklärlichem Schauspiel" des befohlenen Straßenfegens.
Anwesende alte Güstrower, die alles noch selbst miterlebt haben, aber auch junge Leute waren aufgeschlossene Zuhörer.
In dem anschließenden zwanglosen Gespräch beantwortete der Autor des Buches u.a. die Frage, wie es ihm möglich gewesen sei, in so eindrucksvoller Weise nach solangen Jahren noch "das Jahr in Güstrow" schildern zu können. Wolfgang Beutin sagte, er habe damals – als 10jähriger – kein Tagebuch geführt. Es sei alles aus der Erinnerung heraus geschrieben worden. Dabei sei ihm zu Hilfe gekommen, daß sich Familiengespräche zu Hause immer wieder um Güstrow gedreht hätten, vieles stammte aus Erzählungen der Mutter, die er später notiert habe. Ortskenntnisse habe er dann in den 70er Jahren gelegentlich von Besuchen in Güstrow aufgefrischt: so habe er z.B. vom Hause Ulrichplatz 3 Fotos angefertigt, die es ihm ermöglicht hätten, dieses Haus in seinem Roman in allen Einzelheiten zu beschreiben.
Neben dichterischen Stimmungsschilderungen beschreibt das Buch in eindrucksvoller, anschaulicher Weise viele Tatsachen, deren Echtheit auch im Gespräch von den alten Güstrowern bestätigt wurde. Da sich in dem Roman ein Stück Güstrower Geschichte wiederspiegelt, wurde der Wunsch laut, daß eine Neuauflage – evtl. beim Rostocker Hinstorff-Verlag – baldmöglichst erscheinen möge.
Arnold Groth















 


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